Kerzhakov bewegt die Liga

Seine Spielintelligenz ist aussergewöhnlich, seine Bewegungen eine Freude beim Zusehen. Aleksandr Kerzhakov hat das Offensivspiel des FC Zürich wiederbelebt und stellt eine Ausnahmeerscheinung im Schweizer Fussball dar. 

Aleksandr Kerzahkov an seinen Toren zu messen, greift viel zu kurz. Auf Anhieb hat der russische Stürmer das Offensivspiel des FC Zürich markant verbessert. Selbst wenn Kerzhakov nicht trifft oder keine Aktionen im Strafraum verzeichnet, ist er ungemein wertvoll für die Offensive seiner Mannschaft. Dank seiner aussergewöhnlichen Spielintelligenz weiss er sich stets geschickt an den Angriffen seines Teams zu beteiligen. Kerzhakov besetzt freie Räume und beteiligt sich gerne am Kombinationsspiel. Er ist jederzeit anspielbar und erkennt die Ideen seiner Mitspieler. Er zieht mit seinen exzellenten Bewegungen die gegnerische Defensive auseinander und schafft so neue Räume für seine Mitspieler. Er bietet und schafft Optionen – er macht seine Mitspieler besser. Auch im Spiel gegen den Ball unterstützt er sein Team mit äusserst fleissiger Laufarbeit. Kerzhakov ist ein sehr sehenswerter und in der Schweiz derzeit einmaliger Fussballer, dessen wahrer Wert weit über seine Qualitäten als Skorer hinausgeht.

Bereits vor seinem furiosen Auftritt im Cup-Halbfinal gegen den FC Sion hatte Kerzhakov im Trikot des FCZ mehrfach geglänzt. In Luzern trug er mit einer sehr kompletten Leistung und viel wertvoller Defensivarbeit wesentlich zum 2:1-Sieg bei. In Lugano (0:0) überragte er alle und legte seinen Mitspielern mit genialen Ideen und guten Laufwegen mehrere hochkarätige Torchancen auf. Dass die Torausbeute des Teams von Trainer Sami Hyypiä zuweilen trotzdem enttäuschte, hing hauptsächlich mit der defensiven Ausrichtung und der fehlenden Abstimmung auf das Spiel von Kerzhakov zusammen.

Bewegung in die freien Räume, Beteiligung am Kombinationsspiel…

Der 33-jährige Russe ist alles andere als ein klassischer Strafraumstürmer. Kerzhakov ist ständig in Bewegung – immer mit dem Ziel, seinen Mitspielern die beste Option und ein möglichst einfaches oder wirkungsvolles Anspiel zu ermöglichen. Kein anderer Super-League-Stürmer besitzt einen vergleichbaren Wirkungsradius. Wie oft und mit welch gutem Timing Kerzhakov die richtigen Räume ansteuert, bildet die Grundlage für das variable und immer besser funktionierende FCZ-Offensivspiel im 3-4-2-1-System.

Kerzhakov bietet seinen Teamkollegen dank sehr gutem Auge für die freien Räume und hoher Laufbereitschaft bereits im Spielaufbau oft eine Anspielstation. Im folgenden Beispiel aus der Partie in Lugano hält er sich am rechten Flügel auf, während die FCZ-Abwehr das Spiel aufbaut. Er erkennt die freie Lücke im Mittelfeld und will von Sanchez direkt in die Füsse angespielt werden.

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Bild 1: Kerzhakov sieht den freien Raum…

Geschickt hat sich Kerzhakov von seinem Gegenspieler gelöst. Sanchez benötigt etwas zu lange, um dies zu erkennen und getraut sich wegen des eng stehenden Mittelfelds von Lugano nicht, Kerzhakov direkt anzuspielen.

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Bild 2: …bewegt sich gut…

Stattdessen spielt Sanchez zu Nef, erhält den Ball aber sogleich wieder zurück und Kerzhakov war so geschickt, in dieser Zeit eine neue Lücke zu finden. Er bewegte sich an die Aussenlinie, kann schliesslich doch von Sanchez angespielt werden und mit dem Ball am Fuss umgehend auf die Abwehr der Tessiner losziehen.

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Bild 3: …und unterstützt damit den Spielaufbau geschickt.

Wie in so vielen seiner Szenen stimmten auch in dieser die Details in seinem Spiel perfekt. Mehrmals vergewisserte er sich mit Blicken über die Schulter seines Freiraumes, lief die Lücken mit perfektem Timing an und forderte den Ball im richtigen Moment.

…und wirkungsvolle Läufe in die Tiefe

In der folgenden Szene aus der Cup-Partie in Sion haben die Zürcher dank Brunner und Yapi den Ball im defensiven Mittelfeld erobert, wobei Edimilson Fernandes sich Yapi in den Weg stellt. Sofort bewegt sich Kerzhakov Richtung Yapi, um ihm ein einfaches Anspiel zu ermöglichen.

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Bild 4: Kerzhakov geht Yapi entgegen…

Yapi spielt nicht ab, sondern spitzelt den Ball an Edimilson vorbei. Kerzhakov erkennt sogleich, dass Yapi damit einigen freien Raum vor sich hat und er selber nicht weiter entgegen gehen, sondern eine wirkunsvollere Anspielmöglichkeit suchen muss. Kerzhakov dreht daraufhin sofort ab und sprintet nach vorne – in einem Bogen an den freien rechten Flügel.

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Bild 5: …um sogleich in einem Bogenlauf in die Tiefe zu starten…
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Bild 6: …ohne allerdings von Yapi auch angespielt zu werden.

Kerzhakov fand damit die perfekte Antwort auf den Laufweg von Grgic, der vom rechten Flügel ins Sturmzentrum und damit auch Aussenverteidiger Pa Modou in die Mitte zog. Kerzhakov wäre am Flügel schön in die Tiefe anspielbar. Yapi spielt stattdessen auf die andere Seite.

Kerzhakov und Buff sind das neue Traum-Duo der Liga

Genau dank diesen Elementen – geschicktes Bewegen in die freien Räume zwischen die Defensive und das Mittelfeld des Gegners, die sofortige Neuorientierung bei einer Veränderung der Situation und ein Lauf in die Tiefe – besorgte Kerzhakov die Einleitung und Vollendung des Führungstreffers. (Das Tor im SRF-Video gibts hier, wobei die Entstehung leider abgeschnitten wurde.) Am Ursprung des Angriffs steht ein weiter Ball von Verteidiger Brunner in Richtung Grgic und Kerzhakov.

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Bild 7: Nach einem weiten Ball von Brunner…

Grgic geht zum Ball, die Sittener Abwehr muss etwas zurückweichen, was ein Loch zwischen der Defensive und dem Mittelfeld entstehen lässt.

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Bild 8: …bewegt sich Kerzhakov wieder mal in den freien Raum.

Kerzhakov erkennt dies und anstatt auf eine Verlängerung des Balls von Grgic zu hoffen, bewegt er sich in den freien Raum, um den fälligen zweiten Ball bekommen zu können. Genau im richtigen Moment ist er völlig frei und hat den Körper so hingestellt, dass er einen abtropfenden Ball sofort nach vorne mitnehmen könnte (Bild unten links). Der Ball fällt allerdings etwas nach aussen zu Koch. Kerzhakov orientiert sich sofort neu, weiss um seine immer noch gute Position alleine im freien Raum, dreht sich zu Koch, macht zwei, drei Schritte rückwärts, um wiederum sofort angespielt werden, die Körperstellung öffnen und den Ball durch die Lücke mitnehmen zu können (Bild unten rechts).

Koch spielt zu Kerzhakov, der den Ball mitnimmt und durchzupreschen versucht. Dabei prallt der Ball etwas glücklich zu Oliver Buff, der sich ebenfalls äusserst geschickt positioniert im gesamten Ablauf. Weil er sich ebenfalls in einen freien Raum zwischen Innen- und Aussenverteidiger begibt, entsteht schliesslich die Lücke, welche Kerzhakov – wiederum sofort neu orientiert – nutzt für einen Sprint in die Tiefe.

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Bild 11: Buff erkennt Kerzhakovs Lauf in die Tiefe und bedient ihn mit einem perfekten Pass.

Mit enormer Klasse erkennt Buff während der Ballverarbeitung die Idee von Kerzhakov und spielt schliesslich aus der Drehung einen fantastischen Pass.

Die Harmonie zwischen Buff und Kerzhakov ist offensichtlich und zeigte sich auch in der Entstehung des zweiten Treffers. Der Eckball, der schliesslich zum 2:0 führte, resultierte aus einem Steilpass von Buff zu Kerzhakov, der wiederum den freien Raum attackierte.

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Bild 12: Blindes Verständnis zwischen Buff und Kerzhakov vor dem 2:0.

Buff ist technisch versierter und geht dafür weniger weite Wege, aber denkt den Fussball auf die genau gleiche Weise wie Kerzhakov. Ihm fehlte in der Vergangenheit oft ein Mitspieler, der auf seine Ideen einzugehen vermag. Wie Kerzhakov schafft und findet Buff freie Räume. Er bewegt sich sehr gut zwischen die Linien, passt gerne in die Tiefe oder stösst auch gerne nach in Lücken, die aufgerissen werden. Letzteres ist eine weitere Qualität von Kerzhakov, die der FCZ bisher noch zu wenig nutzen kann.

Lücken aufreissen mit Ausweichbewegungen nach aussen

Wenn er sich nicht am Spielaufbau beteiligen muss, positioniert sich Kerzhakov gerne an der Schulter eines Innenverteidigers. Falls dann kein direktes Anspiel in die Tiefe möglich ist, wie beim 2:0 im obigen Beispiel, weicht er sehr häufig auf die Seiten aus, um trotzdem in die Tiefe angespielt werden zu können und zudem die gegnerische Abwehr auseinander zu ziehen. Koch erhält im folgenden Beispiel den Ball von Grgic, währenddessen Kerzhakov an Vanczak vorbeizieht und nach aussen in die Tiefe startet. Koch spielt einen hohen Ball der Linie entlang.

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Bild 13: Kerzhakov läuft in die Tiefe nach aussen, erhält den Ball von Koch…

Durch diesen Lauf zieht Kerzhakov den Innenverteidiger Vanczak aus dessen Position im Zentrum mit nach aussen. Es entsteht eine grössere Lücke unmittelbar vor dem Strafraum und Kerzhakov gelingt es sogar, diese sogleich anzuspielen, indem er den weiten Ball von Koch direkt mit dem Kopf in die Mitte weiterleitet.

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Bild 14: …und reisst eine Lücke in die Abwehr.

Allerdings findet er dort keinen FCZ-Abnehmer, da Buff zu weit aussen und Grgic nach dem Anspiel auf Koch noch nicht genug weit vorgerückt war.

Hyypiä muss Offensivspiel formen und auf Kerzhakov ausrichten

Die Wiederbelebung des Zürcher Offensivspiels ist augenscheinlich und eng mit der Klasse von Kerzhakov verbunden. Auf einen Schlag verfügt der FCZ wieder über die spielerisch interessanteste Offensive aller Super-League-Teams. Wie im letzten Beispiel oder in der Szene mit Yapi versteht es der FCZ allerdings noch nicht immer, die Qualitäten von Kerzhakov optimal einzubinden. Noch wirkt vieles improvisiert und gegen kompaktere Gegner wird die Aufgabe für den FCZ wieder schwieriger. Nach der Stabilisierung der Defensive muss Hyypiä nun die Identität des Teams in der Offensive formen. Die Laufwege von Kerzhakov müssen bewusster ins Spiel eingebaut und insbesondere die Ausweichbewegungen nach aussen besser genutzt werden. Dafür werden allenfalls auch kleinere Anpassungen am ansonsten schon sehr gut funktionierenden 3-4-2-1-System notwendig sein. Der zentrale Raum direkt um Kerzhakov herum darf nicht unbesetzt und Buff nie zu weit weg sein. Dann ist das Potenzial, beispielsweise für einstudierte Spielzüge, riesig. Und in erster Linie mit Buff sowie auch mit Grgic, allenfalls mit Bua oder Chiumiento und sicher mit Yapi dahinter sind Leute da, die über ausreichend Spielverständnis verfügen.

Kerzhakov selber wird ohnehin ein Genuss beim Zusehen bleiben. Er mag auf internationalem Top-Niveau mittlerweile etwas Zweikampfstärke, die letzte Spritzigkeit und etwas Qualität im Passspiel fehlen, aber sein Spielverständnis und seine Laufwege sind immer noch absolute Weltklasse. In der Schweiz kann er damit Abwehrspieler, die aus vielen Partien primär das Verteidigen langer Bälle und den direkten Zweikampf gewohnt sind, vor riesige Probleme stellen. Und er tut dem Fussball gut in einer Liga, die zuletzt viel zu stark von einheitlichem Kraftfussball geprägt wurde und wenige Ideen im Offensivspiel bot.

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